von einem der nachbartische gibt es immer einen entsetzten blick, wenn die platte mit den miesmuscheln kommt. groß sind sie dieses mal und die wolke, durch die sie hergetragen wurden, riecht nach wein, viel knoblauch, frischer petersilie. etwas scharfes noch, chili bestimmt, und lorbeer. die kellnerin grinst, der koch lächelt aus der offenen küche herüber.

ich erinnere mich an eine szene aus einem ungarischen film: 17. oder 18. jahrhundert. ein mann und eine frau, endlich zusammengekommen in einem gasthof, an einem üppig gedeckten tisch in ihrem zimmer. kerzenlicht, fleisch, gemüse, käse, obst, wein. der mann sitzt zurückgelehnt, er ißt nichts, er sieht nur der frau zu. mitunter sagt er einen leisen satz. psyche – das ist ihr name – ißt mit den fingern. sie schlingt. sie reißt den wachteln die keulen aus, streicht sich die haare nach hinten, ihr gesicht wird fettig, fett tropft ihr vom kinn. plötzlich legt sie alles aus der hand, schiebt mit beiden armen geschirr, essen, besteck zur seite, kriecht auf dem tisch auf ihn zu. alles fällt zu boden, obst kugelt durch den raum, gläser und porzellan gehen zu bruch, und sie schiebt sich immer weiter auf ihn zu. es dauert lange, es ist ein weiter weg, es ist sehr laut. er sitzt unverändert, zurückgelehnt. sie kriecht über diesen ganzen tisch, der immer größer zu werden scheint, der kein ende nimmt. und dann steht er auf, rasch, legt ihr die arme um den körper, zieht sie vom tisch, hebt sie hoch und trägt sie ins bett.

er wäre gern dieser mann, sagt der mann. und die frau, die die muscheln ißt, sagt: ich auch.

(4. März 2001, zuerst erschienen im Weblog “freitagsfish”)

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