„Sie ist schon gegangen. Sie wollte ins Dorf laufen, durch die Felder, den alten Weg entlang, und den Mittagsbus nehmen.“
„Wie lange braucht man dafür?“
„Halbe Stunde vielleicht, das sind gut zwei Kilometer.“
„Danke.“

Der Mann verläßt das kleine Seminarhotel, er fährt mit dem Auto die Straße entlang um den See ins Dorf und parkt neben der Bushaltestelle. Die Frau ist nicht da; niemand ist da, am späten Vormittag liegt das Dorf ganz still in der Hitze.
Er geht ihr entgegen, er nimmt den alten Weg zwischen zwei Häusern in die Felder hinein. Wellige Felder mit Winterweizen, Strauchreihen, in den Senken ausgetrocknete Tümpel, und nur hier ist alles sattgrün. Er sieht den großen Baum schon von weitem, den einzigen Baum zwischen dem Dorf und dem Hotel, auf einem Hügel und, als er näher kommt, die Frau unter dem Baum liegen. Sie schläft, benutzt ihre Tasche als Kissen; sie liegt auf dem Rücken, einen Arm neben dem Kopf, die andere Hand auf ihrer Hüfte.

Sie hört ihn nicht kommen: Feldlerchengesang, Winterweizenwind; er setzt sich leise neben sie. Der von der Hitze gebleichte Himmel ist der größte, den er kennt; der Schatten der alten Eiche der einzige Schatten auf dem Weg zum Dorf. Dann spürt er ihre Hand auf seinem Rücken.
Die Frau erwacht aus ihrem Traum, in dem ein Mann neben ihr sitzt, der zu ihr spricht, den sie nicht verstehen kann, weil der Wind –

der Wind ist zu laut, ich verstehe Dich nicht –

und aufwacht. Ein Mann sitzt neben ihr, sie legt ihm die Hand auf den Rücken.
„Sie waren fort, bevor ich Ihnen anbieten konnte, Sie mitzunehmen.“
„Ich wollte den Weg laufen, endlich allein sein. Als ich den Baum sah, war ich zu müde weiterzugehen.“
„Der Mittagsbus ist weg.“

Der Mann hatte sich nicht zu ihr umgedreht, und sie hatte ihre Hand nicht von seinem Rücken genommen. Er war wie sie Dozent in dem Seminar gewesen; drei Tage, dreißig Leute, viel zu viel Gerede.
„Mein Auto steht im Dorf, ich kann Sie dann mitnehmen. Aber jetzt möchte ich auch schlafen.“
Er dreht sich zu ihr, er legt sich halb auf sie: seinen Kopf auf ihren Bauch, einen Arm über ihre Hüfte, den anderen schiebt er flach unter ihre Schulter, ein Bein auf ihre Schenkel.
Er fragt leise: „Ist das in Ordnung?“
Die Frau sagt ja, und der Mann schläft augenblicklich ein.
Sie zögert den Moment hinaus, sie wartet, bis sein Gewicht auf ihrem Körper sich auflöst, das Geräusch des Windes zunimmt, das Feldlerchengestammel, die Hitze wieder zurücktritt aus dem Schatten des Baumes; und dann schläft auch sie wieder ein.

Im milderen Licht des frühen Abends gehen sie beide den Weg ins Dorf: Der Mann war still und plötzlich erwacht, aufgestanden und hatte ihr die Hand geboten; mühelos zog er sie hoch und bückte sich schon nach ihrer Tasche, als ihr schwindlig wurde, sie noch einmal nach ihm griff und er mit seinem Arm sofort ihre Taille umfing:
„Das war zu schnell, ja?“
„Einen Moment – jetzt geht es, danke.“

Er trägt ihre Tasche auf dem Weg, unter dem größtmöglichen Himmel; die Frau geht schweigend mit ihm, wenn der Weg zu schmal ist, auch vor ihm, er hört dann ihren Atem kaum, Weizenwind.
„Mein Auto steht an der Haltestelle.“
„Es gibt einen Abendbus später.“
Ein Hund bellt, es gibt jetzt einen Hund im Dorf.
„Mit dem Abendbus schaffen sie es bis zum Bahnhof, von dort aber nicht mehr in die Stadt heute.“

Der Mann öffnet die Beifahrertür für sie, er stellt ihre Tasche auf den Rücksitz, und dann steht er vor ihr und sieht sie an:
„Kommen Sie mit auf meinen Hof und übernachten Sie dort, es ist nicht weit.“
Die Frau sagt ja, der Mann steht ganz still neben ihr und der Hund bellt.
„Dann steigen Sie ein.“
Der Mann fährt das Auto aus dem Dorf, durch die Hügel; sie sieht ihn an, seinen Kopf im Profil, den Hals und die Schultern, auf die sie ihre Hände gelegt hatte, bevor sie einschlief heute, oder vor so vielen Jahren, unter dem Baum, seinen Unterarm mit den winterblonden Haaren.

Und der Mann sieht nach vorn auf die Straße und sagt:
„Wir essen etwas; wir essen und trinken, und dann lieben wir uns.“
Es dunkelt schon, er schaltet die Scheinwerfer ein.
Der Mann schluckt.
In ihrem Kopf steht sie zu schnell auf aus diesem Bett, ihr wird schwindlig; ein gedeckter Tisch, dem ein Bein bricht, die Tischplatte eine schiefe Ebene, die Teller und Gläser und Messer rutschen aus ihrem Bewußtsein, sie zögert den Moment hinaus, in dem alles auf den Boden fallen wird.
Er sagt: „Wir lieben uns, wir heiraten. Wir haben Kinder.“
Es ist immer noch so hell, die Dunkelheit findet keinen Platz über den Feldern, auch dort vorn nicht, wo sich die Straßen kreuzen werden; der Mann hält nicht an, er dreht sein Gesicht zu ihr und sagt: „In Ordnung?“

Die Frau sieht in seine Augen, alles ist so hell, und sie zögert, nur einen Moment noch –
und sagt ja –
und hinter dem Kopf ihres Mannes sieht sie den Abendbus kommen; der Mann lächelt, sie sieht sein Lächeln, und es wird zu hell. Die Airbags explodieren.

Die Frau erwacht still und plötzlich, und da ist ein anderer Mann, sein Gesicht über ihr und sie sagt: „Wo ist er?“
„Sie müssen schlafen“, sagt der Arzt und zögert nicht, das Medikament ist schneller als der Schmerz, feldlerchenschnell.

(12.12.2015/19.1.2016)

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