Die erste Nacht

Wie jede Nacht ging er auch diese Nacht noch einmal an den See, die paar Schritte nur von seiner Hütte, und lehnte sich mit dem Rücken an den großen Findling, der dort am Ufer lag.
Heute nacht hatte sich der Wind nicht gelegt, der tagsüber meist lebhaft durch das Gebirgstal strich; der See, der sonst die Nächte in Spiegelglätte verbrachte, zeigte sich jetzt bewegt. Eine dunkle Nacht ohne Mond, nur am unteren Rand der Wolken gab es einen Widerschein der Lichter vom Dorf talabwärts, welches selbst aber außer Sichtweite lag.
Er lehnte mit dem Rücken an dem Stein, den er tagsüber manchmal bestieg, wenn er ihm einen erwärmten Sitzplatz bot. Jede Nacht aber stand er hier und sah über den See für ein paar Minuten, bevor er in die angemietete Hütte zurückging, im Bett noch ein paar Seiten las und dann bald das Licht löschte.

Ein Kopf tauchte aus dem See auf, vielleicht zehn Meter von ihm entfernt, und er hörte an dem heiseren, hellen Ton, mit der sie die Luft einsog, daß es eine Frau war. Sie tauchte auf wie aus großer Tiefe, in der sie gefangen gewesen sein mochte; und jetzt hatte sie auch schon Grund erreicht, sie schien überrascht, wie flach die Zone dort war. Als sie auf die Beine kam und sich aufrichtete, konnte er ihren Körper bis zur Hüfte sehen, ihre sofort wieder nach vorn gekrümmten Schultern.

Er bewegte sich nicht, auch nicht, als sie immer näher ans Ufer kam. Dann hielt sie plötzlich inne, keine drei Meter mehr von ihm entfernt, er konnte sehen, wie sie vor Kälte zitterte. Die Frau sah in seine Richtung:
„Erschrecken Sie nicht.“

Dies schien keine Frage zu sein, und so stand er weiter schweigend an seinem Stein. Die Frau kam nun auf ihn zu, blieb aber in mehr als einer Armlänge Abstand vor ihm stehen und sagte:
„Erzählen Sie das niemandem!“
Er hob den Arm und zeigte in Richtung der Hütte:
„Sie können mit hinein kommen. Dort ist niemand außer mir.“
Die Frau sah hinüber, dort in dem kleinen Haus brannte noch seine Leselampe; dann ging sie, immer stärker zitternd, voran. Die wenigen Schritte, dann die Stufen auf die Veranda, er folgte ihr, an der Tür trat sie zur Seite und überließ es ihm, sie zu öffnen. Er trat hinein:
„Kommen Sie.“
Sie setzte sich auf den nächsten Stuhl.
„Ich heize den Ofen noch einmal an.“
Er legte einige Holzscheite nach, und als er sich umwandte, sah er, daß sie versuchte, ihre Schuhe auszuziehen. Mit den steifgefrorenen Fingern gelang es ihr nicht, die Schnürsenkel zu lösen, also hockte er sich neben sie und half.

„Jetzt ziehen Sie die Jacke aus.“
Auch dabei half er und hörte ihre Schultergelenke knacken:
„Ziehen Sie alles aus und nehmen Sie die Decke dort drüben vom Bett. Ich gehe in die Küche.“

Als er mit einer Tasse Tee zurückkehrte, hockte die Frau auf der Bettkante, eingewickelt in seine Wolldecke, näher an seinem Ofen. Er stellte den Tee auf den Nachttisch neben die Leselampe:
„Legen Sie sich hin.“
Die Frau reagierte nicht, ihre Augen fast geschlossen, zitterte sie noch immer.
„Legen Sie sich hin.“
Er drückte mit einer Hand gegen ihre Schulter, zog das Kissen unter ihren Kopf und seine Bettdecke über sie; sie lag jetzt auf der Seite, nah am Rand des Bettes.
„Ich schlafe dort im Sessel, ich habe noch eine andere Decke.“
Er schaltete die Lampe aus, und in der Hütte wurde es völlig dunkel; von seinem Sessel aus hörte er ihren heiseren Atem und schlief ein.

Sie schlief die ganze Nacht und den ganzen Tag hindurch, den er auf der Veranda mit seinen Büchern und Notizen verbrachte, unterbrochen nur von kurzen, leisen Gängen in die Küche. Die Frau hatte sich irgendwann zur Wand gedreht und fror nicht mehr; er konnte ihre bloßen Schultern sehen und ihren ausrasierten Nacken. Die Tasse Tee war leergetrunken.

Am frühen Abend stand sie neben ihm auf der Veranda, in die Wolldecke gewickelt und mit gebeugter Haltung wirkte sie alt; aber sie war nicht alt, er hatte die Haut ihrer Schultern gesehen. Er zeigte auf das Geländer der Veranda:
„Ihre Sachen sind getrocknet. Haben Sie Hunger?“
„Ja, großen Hunger.“
„Dann gehe ich uns etwas kochen.“
Die Frau sah hinunter zum See und wandte den Kopf dann nach links, wo der Weg, der zur Hütte führte, im nahegelegenen Wald verschwand.
„Niemand kommt hierher. Setzen Sie sich.“

Als er wenig später mit zwei Tellern auf die Veranda trat, hatte die Frau ihre Kleidung angezogen, die Wolldecke über das Geländer gehängt, die Bücher aufeinandergelegt an eine Tischecke geschoben, daneben lagen seine Notizen und Stifte, ebenso ordentlich. Sie aß schweigend, und er konnte sehen, wie sie ihren großen Hunger zu beherrschen versuchte. Dann hob sie plötzlich den Kopf und sah ihn direkt an, er sah das erste Mal ihre Augen, und sie sagte:
„Niemand kommt hierher?“
„Nein, niemand kommt hierher. Aber es gibt ein Telefon.“
„Sie haben ein Mobiltelefon, natürlich.“
„Nein, aber es gibt ein ganz altmodisches Telefon.“
Sie senkte den Blick wieder auf den Teller:
„Ich brauche kein Telefon.“
„Ich auch nicht“, sagte er und aß weiter, „ich bin gern allein.“
„Danke“ sagte sie, ohne einen Blick zu ihm.

Die zweite Nacht

Die Sonne ging unter, es wurde dunkel, der Wind legte sich wie in allen Nächten, außer der letzten Nacht, die ersten Sterne spiegelten sich im See.
Er brachte die Teller in die Küche zurück; und als er wieder aus der Hütte trat, sah er die Frau am Ufer stehen, die paar Schritte nur entfernt. Er räumte alles zusammen und ging hinein, heizte den Ofen und sah erst jetzt, daß sie das Bett gemacht hatte.

Die Frau trat hinter ihm in den Raum:
„Ich bin schon wieder sehr müde.“
„Dann schlafen sie.“
„Darf ich fragen – “
„Ja, natürlich“, erwiderte er.
„Haben Sie eine Dusche?“
„Nein, tut mir leid. Aber hinter dem Haus gibt es eine Pumpe und Seife und Handtücher. Ich kann ihnen Wasser warmmachen.“
„Das wird nicht nötig sein, danke.“
Während er in seinem Sessel saß, hörte er die Frau hinter dem Haus, sie pumpte offenbar Wasser in einen Eimer und übergoß sich damit. Als sie zurückkam, fand sie ihn lesend.

„Bitte, ich werde heute nacht im Sessel schlafen und Sie in ihrem Bett.“
„Nein. Das Bett gehört ihnen.“
Die Frau blieb abrupt stehen, in der Mitte des Raumes, dann drehte sie sich langsam zu ihm:
„Das kann ich nicht akzeptieren.“
„Das werden sie. Und ich werde noch lesen.“
Er hörte, wie sie ihre Sachen abstreifte und sich in sein Bett legte, es wurde still bis auf das leise Knacken des Feuers im Ofen, und dann sagte sie:
„Wenn Sie müde sind, dann kommen Sie zu mir in ihr Bett. Bitte. Es ist genug Platz hier.“
Er sah auf: „Das werde ich, vielleicht.“

Doch zuerst, einige Stunden später, ging er an den See, die paar Schritte nur von seiner Hütte, und lehnte sich mit dem Rücken an den großen Findling, der dort am Ufer lag. Es war eine helle Nacht mit dem silbern schimmernden See und er wartete; wartete auf eine Frau aus dem See, die jetzt aber schon in seinem Bett lag und schlief, zur Wand gedreht, ganz nah an den Rand des Bettes gerückt; er sah wieder die nackten Schultern, als er in das kleine Haus zurückkehrte.

Er legte sich zu ihr, unter seiner eigenen Decke; das Gesicht ihrem Nacken zugewandt paßte er seine Atemzüge langsam ihrem Rhythmus an und rückte etwas näher, bis er den Geruch ihrer Haut wahrnehmen konnte, und sie roch nach Wasser.

Dann schlief er und träumte, er träumte er schliefe auf dem Rücken, die Arme, wie so oft, über den Kopf erhoben auf das Kissen gebettet, die Beine leicht gespreizt unter seiner Decke. Und träumte, wie sich ein schmaler Mädchenleib über seine Beine schob und höher an ihm herauf, das Gewicht ihres Körpers kaum spürbar, leichter als die Wolldecke, schmal, fast zu dünn, und wie das Mädchen ihre Hände neben seinem Kopf aufstützte. Und er träumte, wie sie begann, sich an ihm zu reiben, feucht und ohne jeden Druck. Und er hob träumend die Hände, um ihre Arme zu berühren, um sich zu vergewissern, daß dies Frauenarme sein mochten, das Mädchen alt genug, um in ihr zu sein. Und als seine Hände ihre Haut berührten und über ihre Arme nach oben strichen, tauchte er langsam aus seinem Traum auf.

Der Körper über ihm wurde größer, gewann Volumen und Gewicht, die Schulterblätter, die seine Hände jetzt erreicht hatten, waren weich gebettet; das Gewicht ihrer Oberschenkel zwang ihn nun, seine Beine ganz zu schließen; er wurde fast wach in dem Moment, als die Frau zögerte, innehielt, zitternd vor Beherrschung, und ihn beinahe wieder in seinen Traum gleiten ließ. Und sie dann ausatmete, plötzlich ganz nah an seinem Ohr, sie roch nach Wasser, und sie sich auf ihn senkte und ihn tief in sich aufnahm und er erwachte.

Als er die Augen aufschlug, war ihr Gesicht direkt über seinem, ihr Mund ganz nah, bevor sie sich hochstützte, ihr Gewicht von seiner Brust löste und er sich aufrichten mußte, um ihren Kehlkopf zu küssen und ihr zu antworten. Sie zog sich ein wenig von ihm zurück, senkte sich dann umso tiefer wieder auf ihn, sein Körper wölbte sich ihr entgegen; er umfing sie und zog sie herab zu sich, zog ihr Gewicht ganz auf seinen Körper, näher und noch tiefer; und er sich aufzulösen begann in ihren Bewegungen und er spürte, wie sich ihre Muskeln um ihn zusammenzogen, ihn einschlossen und festhielten, dann losließen und er ihr zu entgleiten drohte und still hielt für einen Moment, zitternd, auf ihren Atem lauschend, zu Atem kommend, und fühlte, wie er wieder steif wurde und wieder und noch tiefer in sie kam und sich Wogen von Wasser über ihm schlossen; sie sich in seinen Haaren festhielt, ihn hielt und er stieß und nicht aufhören mochte, innehielt wieder, sie sich erneut bewegte und ihr Mund trocken wurde und sie seinen Schweiß aus der Grube über seinem Schlüsselbein leckte und sein Atem stockte oder er sie nicht mehr hörte, das Rauschen in seinen Ohren, und sie losließ und er durch ihre Arme hindurch glitt, in den Schlaf fiel, sie ihm entglitt und sich auf einem schwankenden Kahn wähnte und schließlich selbst einschlief, nachdem sie die Decke über ihre beiden Körper gezogen hatte.

Er erwachte aus seinem traumlosen Schlaf, als er einen Kuß auf seinem Nacken spürte. Mit dem Gesicht zur Wand gedreht, die Decke im Arm und den Rücken bloß, fühlte er weiche und warme Lippen auf seinem Nacken und erwachte. Der Raum war taghell, und er griff langsam mit seiner Hand nach hinten, ihren Körper erwartend, ihr Gesicht, ihre Lippen. Niemand war da, also zog er die Decke über seinen Rücken und legte die Hand in den eigenen Nacken, den Kuß zu schützen und schlief wieder ein.

Die dritte Nacht

Er hatte den ganzen Tag geschlafen, dann auf der Veranda etwas gegessen, in keines seiner Bücher gesehen, sich nicht gewaschen, und war dann, wie jede Nacht, noch einmal an den See gegangen, die paar Schritte nur von seiner Hütte, lehnte er mit dem Rücken an dem großen Findling, der dort am Ufer lag. Der See spiegelglatt. Und als er zu frieren begann, war er zurückgekehrt in sein Bett und schlief ein und träumte davon, auf dem warmen Stein in der Sonne zu sitzen, das Dorf talabwärts außer Sichtweite.

Der erste Tag

Als er sich am nächsten Morgen Eimer voll Wasser über den Körper goß, hinter dem Haus, hörte er eine Stimme seinen Namen rufen. Er wickelte sich in ein Handtuch und ging nach vorn, er erkannte die Polizistin aus dem Dorf, die ihn grüßte und sich dann diskret abwandte:
„Verzeihen Sie, aber ich habe eine Nachricht. Nein, es ist eher eine Bitte. Aber, bitte, ziehen Sie sich erst etwas an.“

Als er angezogen wieder auf die Veranda trat, stand sie auf der unteren Stufe und sagte:
„Vielleicht setzen wir uns.“
Sie setzten sich.

„Ich muß sie um etwas bitten: Wir haben eine Frau gefunden im See. Haben Sie in den letzten Tagen bemerkt, daß dort Taucher gesucht haben?“

Er hatte Kaffee gekocht und schob ihr eine Tasse über den Tisch:
„Nein, aber der See ist groß. Hier war niemand.“
„Ja, das stimmt, die Taucher haben nur das südliche Ufer abgesucht, weil wir dort den Kahn gefunden haben. Der See ist groß.“
„Was möchten Sie von mir?“
Die Polizistin sah ihn bekümmert an:
„Die Frau ist tot. Sie hatte nichts bei sich, nur ein Foto. Sie hatte ein Foto von Ihnen bei sich.“
Die Polizistin trank einen Schluck Kaffee:
„Es tut mir leid, aber ich muß Sie bitten, sie anzusehen. Sie werden sie vielleicht kennen. Jemand muß sie identifizieren.“
Er sah über den See, das südliche Ufer war im morgendlichen Dunst verborgen.
„Wo ist sie?“
„Beim Dorfarzt. Danach wird man sie in die Stadt bringen.“

Vor der Praxis des alten Arztes, der seit Jahrzehnten die Leiden des Dorfes behandelte, war die Straße voll von Menschen. Dorfbewohner, Polizisten aus der Stadt und Männer, die technische Ausrüstung in große Autos einluden. Alle sahen ihn an, während der Arzt auf ihn zukam und die Hand auf seinen Unterarm legte; die Geste, mit der er den Leuten den Puls fühlte, ein nach so vielen Jahren gänzlich unbewußt gewordener Zugriff:
„Es tut mir so leid! Hier entlang bitte.“

Sie gingen durch den Flur und das Wartezimmer und das Behandlungszimmer in einen dahinter liegenden Raum, den er nicht kannte. Dort lag auf einem Behandlungstisch der Körper einer Frau, vollständig bedeckt mit einem grünen Laken.

„Ich möchte zuerst das Foto sehen bitte.“
„Natürlich!“
Die Polizistin, die ihn begleitet hatte, trat an den Tisch, zog ein Stück Papier unter dem Laken neben dem Kopf der Frau hervor und gab es ihm.

Ein Ausdruck seines Porträtfotos von seiner Internetseite, auf billigem Papier, aus einem Drucker, der einen Überschuß an grüner Farbe hatte. Das Papier war noch leicht feucht.

„Das sind Sie, nicht wahr?“ Die Polizistin nahm ihm das Bild wieder aus der Hand.
„Ja, das bin ich. Und ich kann sie mir jetzt ansehen.“

Der Arzt trat an das Kopfende des Tisches und schlug vorsichtig das Laken zurück, entblößte Kopf und Brust der Frau und sah dann auf, zu ihm. Er trat einen Schritt näher, die Polizistin blieb hinter ihm, der alte Arzt verharrte, ohne ihn anzusehen.

Er blickte die Frau an, die geschlossenen Augenlider, ihre Wangenknochen, die Haut ihrer Schultern, die blasse Brust.
„Das ist niemand, den ich kenne.“

(März 2014; zuerst veröffentlicht in „Der Mann im See – Briefwechsel“, 21. August 2014)

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