Am Beginn aller Zeit, als der große Schatten die Welt in tiefer Leere hielt, herrschten die schwarzen Drachen. Nichts störte ihr Treiben, kein Blick fiel auf sie, bis die Sonne erschien, und die Leere in Himmel und Meer teilte. Der erste Tag brach an.

Die Drachen, deren Augen nicht geschaffen waren, um das Licht zu sehen, verjagten wütend die Sonne, und die erste lichtlose Nacht wurde geboren. So ging es fort Tag um Tag, den die Sonne der Nacht folgen ließ. Niemand kann sagen, wann es geschah, aber eines Morgens konnte einer der Drachen das Licht ertragen, er konnte die Sonne ansehen; er konnte das Blau des Himmels und das noch tiefere Blau des Meeres erblicken, und die Schönheit wurde geboren.

Er ließ von der Jagd ab und flog über den Spiegel des Meeres, um zu erfahren, wie das Wasser seine Flügel benetzte. Der Drache glitt über die Fluten und hätte niemals mehr etwas anderes tun wollen. Da hörte er eine mächtige Stimme rufen: Hilf mir, rette mich! Und noch niemals hatte er eine Stimme gehört, nie zuvor hatte jemand zu ihm gesprochen. Er hob seine Augen vom Wasser und erkannte die Sonne am Ende ihrer Kraft, bedrängt und fast überwältigt von Drachen.

Da stieg er auf, seine Flügel peitschten das Meer und die Wellen wurden geboren. Je näher er dem Licht kam, desto enger zogen die Drachen ihren Ring um die Sonne. Und er richtete seinen Geist ganz auf die Stimme der Sonne: Hilf mir! Und in jenem Moment, als der schwarze Schatten auf die Sonne fiel, wurde das Land geboren und war noch wüst und leer.

Der Drache mit den offenen Augen aber fraß die Sonne. Und mit der Sonne in seinem Körper stürzte er ins Meer, das Wasser empfing ihn und ließ ihn sanft an den Grund aller Gründe sinken. Und die Stimme der Sonne war verstummt, und der Schlaf wurde geboren, der Schlaf des Drachen. Später, viel später und so weit in der Vergangenheit, daß niemand sich daran erinnern kann, sah das Meer keine Drachen und keinen Schatten mehr über sich, und das Wasser trug den einzigen Drachen an die Oberfläche, und die Wellen betteten ihn sanft an einen Strand.

Die Sonne selbst erwachte aus ihrem dunklen Glühen und begann zu strahlen, sie verließ den Körper des Drachen und eroberte den Himmel erneut. Das Meer und das Land und die Luft jubelten und erschufen das Leben. Die Sonne aber sah zurück auf den Strand, auf den einzig verbliebenen Drachen, von dessen Haut alles Schwarz einem tiefen Rot gewichen war. Und sie war dankbar und sandte ihr mildestes Licht auf ihn, das Wasser berührte sanft seinen Körper, die Luft drang frisch in ihn ein, und das Land trug seine gewaltige Last ohne Mühe. Und die Liebe wurde geboren.

Der Drache erwachte und wurde der Rote Drache, der einzige Drache, den die Welt duldete, weil er die Sonne gefressen hatte, um sie zu retten. Und das Leben sagte: Ich brauche ein Ende. Die Sonne aber widersprach: Nicht für ihn, er wird ewig leben! Und der Tod wurde geboren, aber nicht der Tod des Drachen.

(Juni 2012, zuerst erschienen im Briefwechsel „Der Mann im See“)

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