himmel, er ist so traurig, es nimmt gar kein ende. wir sitzen seit stunden hier und er trinkt ein glas weißwein und viel wasser und seine traurigkeit ist grenzenlos. es ist montag, die kellnerin hat genug geduld bewiesen, ihre diskretion gegenüber diesem todtraurigen mann war beispielhaft. kannst du noch fahren? er lächelt, die welt könnte auf den schultern dieses mannes lasten, und er könnte noch fahren. ich habe auf einer hunsrück-serpentine bergab neben ihm gesessen, kurz nachdem die meldung über den unfalltod eines freundes bei uns eintraf, und hatte keine angst, natürlich kann er noch fahren. nach ansage. rechts, links, dort hoch, doch ja. er leistet keinen widerstand. auch nicht, als wir durch den geharnischten schnee stolpern, nein, er stolpert, ich kenne ja den weg, dieser schnee, der sich seit gestern mit einer dünnen eisschicht überzogen hat, es ist mitte februar, es ist vielleicht halb zwei uhr nachts.

er fragt auch nichts, eingeigelt in seinen kummer; aber er hat feste schuhe an, festes schuhwerk ist wichtig in krisen, man sollte kartoffeln kochen und feste schuhe tragen in krisen, und wenn das nicht ausreicht, dann, so scheint es mir wenigstens in dieser nacht, muß man hierher kommen. hinter den baumstämmen sehe ich schon ein stück architektur, komm, noch ein stück!, noch durch diesen durchgang und wir stehen davor. zwischen dem bau und den bäumen und uns milchig-orangfarbene feuchtigkeit, nein, kein nebel, lichteingedickte luft, die sich später heute morgen als rauhreif auf den dächern wiederfinden wird, und doch ist alles sehr dunkel.

ich ziehe ihn die wenigen stufen hoch zum eisentor, das den blick in den innenhof freigibt, und jetzt öffnet er die augen, hebt den kopf und schaut hinauf zu den säulen der kolonnaden und höher, die treppen entlang nach oben zu den zwei türmen im licht, das die stadt hierheraufschickt, auf diesen berg, der kein berg ist, nur ein kleiner hügel über der stadt, doch weit genug oben, kein laut dringt zu uns, sie schlafen ja alle.

sie sind ja gar nicht betrunken, sagt eine stimme ganz nah hinter uns. der wachmann, mit hund, der rottweiler legt den kopf schief, ich schwöre, und gibt keinen laut. nein, sind wir nicht. und sie haben auch keine spraydosen dabei? des wachmanns stimme ist immer noch sanft und etwas ungläubig, mein trauriger freund greift meinen arm fester; nein, wir sind keine sprayer, wir sind –

mhm, verliebt wohl, sagt der mann, und das rottweilerschaf und ich grinsen ein bißchen, und wahrlich: wer hat schon etwas gegen gute geschichten, die schön, wenn auch nicht wahr sind, na? aber der wachmann hat nicht gefragt, was machen sie denn hier, sein hund ist so still, sie haben die wahrheit verdient. er ist mein freund, sage ich, es geht ihm nicht gut, ich dachte, ich bringe ihn her und –

ah, warten sie mal hier! sprichts und verschwindet, das geräusch seiner schritte im eisüberzogenen schnee wird verschluckt von der ecke der seitlichen mauer, der freund atmet hörbar aus. stille, ein klacken wie von schaltern, mehrfach, kurz hintereinander und das licht geht an: jede säule ein scheinwerfer, jede gestiftete sitzbank im licht, die bemalten holzdecken über den kolonnaden flackern auf und der innenhof erwartet den auftritt der schauspieler auf der bühne im leergepumpten wasserbecken.

und mitten im februar, in einer nacht von montag auf dienstag, während die stadt schläft, strahlt ihre italienische krone in voller festbeleuchtung. was war das, ich meine, was ist das? fragt der freund. die schalter, die schalter der schönheit, sag ich. aber welcher könig – nein, nicht doch, nur für dich, dies alles ist nur für dich.

(21. Oktober 2004)

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