der ganze baum so voller kirschen so viele dunkelrote kirschen, es ist kaum noch laub zu sehen. die dünnen äste hängen tief nach unten und meine oma steht daneben und sagt an einem morgen in den sommerferien: jetzt sind sie reif. guckt mich an guckt den baum an und ich bin elf und ich hab schon kirschen gepflückt und entsteint, aber niemals so viele. meine oma guckt mich an und sagt: wenigstens ein paar müssen wir retten, der arme baum, die schönen kirschen. ich sage: wir fangen einfach an und hören auf, wenn wir keine lust mehr haben. kluges kind. und ich sage: du pflückst nicht und oma sagt: aber unten kann ich ja ein paar, du nimmst die leiter. und wir holen eimer und die leiter und es geht los und ich steige in den baum und mir wachsen die kirschen in den mund, aber sie sind so sauer. und im nu sind die ersten beiden eimer voll und oma sagt: wo sollen wir die bloß alle waschen und wir schrubben die lange alte zinkwanne und füllen sie mit wasser und da hinein kommen die kirschen und danach in die alte babywanne. zwei stunden später läuft oma zu den nachbarn und borgt sich mehr eimer und eine andere zinkwanne wird mit der schubkarre angefahren und die nachbarn stehen und bestaunen den baum und mich, wie ich immernoch pflücke. meine oma sagt immer: genug genug! aber ich kann nicht aufhören, inzwischen turne ich nur noch in unterhose im baum herum, der seine äste wieder hebt und wieder grün wird. und es ist knallsommerheiß.

mittags sind alle gepflückt, alle kirschen, die meisten schwimmen noch im wasser, weil alle anderen gefäße schon gefüllt sind mit gewaschenen glänzenden früchten. und opa ist zurück aus der stadt, oma hat ihn geschickt, gläser holen: karli, ich hab nicht genug gläser, du mußt in die stadt fahren, da sind noch gläser im keller. beim mittagessen schüttelt opa den kopf: ihr seid ja verrückt und seine ganze terrasse ist kirschenvoll: ihr seid ja verrückt. oma und ich gucken die kirschen an und räumen das geschirr ab und dann setze ich mich auf die hollywoodschaukel und oma kommt aus der küche und legt die beiden korken mit den haarnadeln auf den tisch. setzt sich und sagt: das geht doch nicht, wie sollen wir denn all diese kirschen jemals entsteint bekommen. ja, das stimmt, das geht nicht. und da liegen diese beiden alten korken, gebeizt von so viel kirschsaft und so vielen ernten, in jedem steckt mit beiden enden eine schwarze haarnadel und man hätte ja auch einmal neue korken mit neuen haarnadeln bestecken können. aber warum, jetzt haben sie schon so lange gehalten, die hände haben sich daran gewöhnt, sie liegen in der besteckschublade immer ganz hinten, bis es sommer wird.

wir können sie ja auch mit stein einmachen. sagt meine oma und guckt fragend. opa sagt: ich geh mal rasenmähen. und der schreck greift sofort zu einem korken: kerne spucken beim kirschtortenessen, kerne beim grießbreiessen und kerne über dem eis? oh nein. wir fangen an, dann werden wir ja sehen. kluges kind. wir entsteinen zu zweit einen eimer voll. das geht schnell, oma macht das schon immer und ich mache das auch schon seit ich ganz klein bin, das geht schnell. ganz am anfang ist die bewegung ungewohnt, man sticht mit der runden seite der haarnadel dort, wo der stiel der kirsche war, hinein. man kann fühlen, wie das kleine werkzeug am stein entlang gleitet, nicht zu weit, damit die kirsche nicht mehr verletzt wird, als nötig. immer schön am stein entlang, dann greift die rundung der haarnadel und man zieht den stein einfach aus der kirsche heraus. und so bekommt man entsteinte kirschen mit nur einem loch. und wenn sich die hände einen halben eimer lang erinnern konnten, geht es ganz automatisch ganz schnell und spritzt nur wenig.

nach dem ersten eimer sagt oma: dann werd ich mal einkochen gehen. ich kann sie von meiner schaukel aus sehen, alle fenster der kleinen küche sind weit offen und die gläser werden heiß gespült und niemand kann so heiße sachen anfassen wie meine oma und die gläser stehen kopfüber auf ganz sauberen geschirrtüchern und der ofen wird geheizt, im hochsommer und meine oma schwitzt und ich entsteine und als die ersten gläser im ofen sind, kommt meine oma heraus und guckt mich an und lacht und lacht. und ich habe schon wieder einen ganzen eimer geschafft und oma lacht und ich gucke an mir herunter und ich sehe aus, als würde ich tiere schlachten, blutrote spritzer überall und opa guckt über die hecke und sagt: ihr seid ja verrückt. ich werd euch mal den rest der kirschen waschen. schaufelt die kirschen aus der zinkwanne aus dem wasser in die freiwerdenden eimer und oma stopft die entsteinten in die gläser und es zischt und brodelt in der küche und die batterie der fertigen kirschgläser stellt sie auf einen holzrost auf die terrasse, weil kein platz mehr ist in der kleinen gartenhausküche. und jetzt haben wir ein fließband und das entsteinen geht immer schneller und in solchen momenten werden meister geboren und ja! ich bin der meister im kirschenentsteinen, da gibt es keinen zweifel und die haare meiner oma sind ganz aufgelöst und dampfschwaden kommen aus den küchenfenstern und die batterie kirschgläser wächst und wächst.

und alle alle kirschen werden entsteint und eingekocht und als es dunkel wird, sind wir fertig und haben vierzig große gläser kirschen und ich kaum mehr eine weiße stelle am körper und die nachbarn holen ihre eimer und wannen zurück und wir essen leberwurstbrot mit senf. und opa sagt: ihr seid ja verrückt und wir können hören, wie stolz er ist, wie ungläubig stolz er auf uns ist und dann sagt er: und guckt mal! ich hab den ganzen rasen gemäht und alles zusammengeharkt!

aber eine kirsche pro glas hat noch einen stein. für den geschmack, sagt oma. und ein bißchen aberglaube ist dabei und wenn einer von uns im winter diesen einen stein im kirschkuchen entdeckt, darf er sich was wünschen.

und erst heute habe ich meinen opa wieder gesehen. der alte super8film auf minidv auf vhs überspielt: und da ist er! und was für ein schöner mann er doch war, so ein schicker kerl! und wie er lachen konnte.

(15. August 2001, zuerst erschienen im Weblog “freitagsfish”)

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