Er:
Es war schon dunkel, als wir in die Innenstadt kamen. Das Trampen hatte lange gedauert, viele Soldaten standen an den Straßen.

Sie:
Es war ein Gesetz: Egal wie lang die Reihe der Leute war, Soldaten stellten sich immer ganz vorn hin und wurden sofort mitgenommen.

Er:
Alle wußten, daß sie schnell nach Hause wollten, oder schnell zurück in die Kaserne mußten. Sie hatten nur selten und wenig Urlaub.

Sie:
Wir sahen Leute vor der Kreuzkirche stehen, es gab noch Karten für ein Konzert. Die Kirche war dann überfüllt und warm, wir hörten den Kreuzchor. Es war Karfreitag.

Er:
In einer Pause fragte sie mich, wo wir denn übernachten würden. Da drehte sich ein Mann um, der auf der Bank vor uns saß.

Sie:
Er hatte ein mageres Gesicht und seltsam verfilzte Haare.

Er:
Er drehte sich um und sagte: bei mir. Ihr könnt bei mir schlafen. Und dann legte er den Finger auf den Mund: Wir treffen uns draußen. Wir liefen mit ihm in die Neustadt, wo er im dritten Stock in einem dieser heruntergekommenen Häuser wohnte. Die Wohnung hatte einen schmalen Flur und zwei Zimmer. Keine Küche. Toilette halbe Treppe. In der Ecke des Flurs ein kleines Waschbecken mit kaltem Wasser. Wir schliefen auf einem alten Sofa, er hatte in dem zweiten Zimmer nur ein Bett.

Sie:
Nachts wachte ich auf und war einen Moment verwirrt. Vor den Fenstern dicker, orange leuchtender Nebel, das ganze Zimmer war in dieses Licht getaucht. Neben mir schliefst du; ich tappte durch den engen Flur und öffnete die angelehnte Tür zum Zimmer unseres Gastgebers. Er saß mehr als er lag in seinem Bett und sah mich an. Bei jedem Atemzug hörte ich rasselnde und fiepende Geräusche. Ich setzte mich zu ihm und nahm seine Hand, die schweißnaß war, das ganze Bett war schweißnaß. Wird gleich besser, wird gleich besser. Bleib noch ein bißchen. Es war sehr kalt und ich fror, aber ich konnte mich nicht zu ihm legen, das Bett war zu schmal und zu naß. Nach ein paar Minuten atmete er ruhiger. Ich ging zurück auf das Sofa.

Er:
Ich habe nicht gemerkt, daß du fort warst.

Sie:
Am nächsten Morgen hatte ich plötzlich sehr viel Platz und fand einen Zettel neben mir: Bin Brötchen holen. Im Flur am Waschbecken stand der Mann und wusch sich. Es sah aus, als hätte er Narben auf der Brust. Er lächelte mir zu: Komm, ich zeig es dir. Wir gingen in sein Zimmer und er zeigte mir seinen Brustkorb. Ganz schmal, und von Narben übersät. Er drehte sich etwas und zeigte mir die beiden tiefsten und noch dunkelroten Narben an beiden Seiten der unteren Rippenbögen. Sein Brustkorb sei zu klein, schon immer. Die Lunge hätte nicht genug Platz, deswegen hätte man ihn in jährlichen Abständen operieren müssen. Rippen brechen, neu anordnen. Das letzte mal vor einem Monat, die größte Operation: beide unteren Rippen entfernt, die darüberliegenden je zweimal gebrochen. Und zur Stabilisierung einen Stahlreif auf Höhe des unteren Bogens über den Brustkorb geführt. Ich könne ihn fühlen, hier, unter der Haut. Im nächsten Jahr kommt das wieder raus, wenn alles gut geht.

Er:
Ich brachte Brötchen und Milch und Marmelade. Es gab einen Tauchsieder, damit konnten wir Tee kochen. Bevor wir wieder gingen, füllten wir eine große Kiste im Zimmer mit Kohlen, Vorrat für eine Woche.

Sie:
Du hast dir noch Eimer von den Nachbarn geborgt und dann vier davon gleichzeitig die Treppen hochgetragen. Deine Schmiedelehre war gerade zu Ende und du warst der größtmögliche Kontrast zu dem Mann mit dem Stahlreif im Körper.

Er:
Aber ich hab nicht als Schmied gearbeitet – ich hab als Kohlenträger gearbeitet in Berlin.

Sie:
Als wir dann auf die Straße kamen, stelltest du mich auf den Bordstein –

Er:
Ich küßte Dich –

Sie:
Ersticktest mich fast. Und dann hast Du gesagt: Laß uns nie wieder hierher kommen.

 

(13. Februar 2015; die erste Textfassung stammt aus den 80er Jahren. Die beschriebene Begegnung fand Ostern 1983 statt – einen Dank an A. für diese präzise zeitliche Erinnerung.)

Advertisements