Wir verlassen die Stadt. Peters Tor zu Europa, angelegt ohne menschliches Maß, heute nur noch kalter Prunk der Fassaden, der Schlösser und Museen, tonnenweise Blattgold und echter oder imitierter Marmor. In den Fenstern der Wohnungen die Gardinen sind mit Büroklammern an Bindfäden aufgehangen; die in einheitliches Schwarzgrau ihrer Mäntel gehüllten Menschen stehen zwei Stunden nach einem halben Kilo Zucker bei minus fünfzehn Grad. Sie stehen zwei Stunden, um in die Eremitage zu kommen, die weniger überwältigend ist, als der Russischunterricht vermittelt hat. Zwischen römischen Statuen und zwei Räumen Picasso das Gefühl, daß dies alles nicht hierher gehört; armselig der Anblick der Menschen vor riesigen Schlachtengemälden alter Meister. Alte Frauen bewachen mürrisch die Kunstschätze, ein kleiner Zuverdienst zur schmalen Rente; ganze Saalfluchten bleiben geschlossen, wenn eine Frau krank ist.

Gegenüber dem Hotel der kleine, graugetünchte Revolutionsmülleimer „Aurora“, im Hotel am Wochenende Tanz, die russische Kapelle spielt fünfmal hintereinander Lambada, Frauen verschiedener sowjetischer Nationalitäten, alle schön und groß wie Mannequins, betreiben Devisenbeschaffung mit finnischen provinziellen Playboys. Taxis für Devisen, russische Teestube nur mit Devisen, Gastfreundschaft nur für Devisen, unser neugewonnenes Selbstbewußtsein kümmert sie wenig.

An der Peter-und-Paul-Festung verkauft ein kleines Mädchen Gorbatschow-Sticker, Hans Christian Andersen in Leningrad. Ihr Vater angelt in der stinkenden Newa, auf der das Eis knallt.

All dem entgehen wir jetzt mit dem Zug nach Moskau. Doch vorerst warten rund 300 Teilnehmer des „Freundschaftszuges“ im Saal des Moskauer Bahnhofs. Es ist später Abend und jämmerlich kalt; wir stehen in Gruppen zusammen, wir mit unseren bunten Anoraks und Mänteln, mit neonfarbenen Schals, Rucksäcken und Reisetaschen. Ein Recorder spielt Hip-Hop, drumherum tanzen sie, um sich warm zu halten. Die wenigen Einheimischen, an die Wände des Saals gelehnt, betrachten uns wie Außerirdische, einigen Außerirdischen geht es sehr gut damit. Unsere Gruppe ist der unverhohlenen Neugier einiger Mädchen ausgesetzt, die um einen Mann geschart stehen, der aussieht wie ein Trainer, blasse Kindergesichter in Pelzmützen. Ulrike wendet sich ab, sie kämpft mit dem zwanghaften Wunsch, ihnen Bonbons zu schenken.

Plötzlich setzt, aus kleinen Blechlautsprechern abgestrahlt, scheppernd heroische Musik in ungeheurer Lautstärke ein, kein Fehlgriff eines Beamten am falschen Knopf, sondern geplante Beschallung. Die Akustik des Saals macht den Klang nur noch unerträglicher, die Musik hört einfach nicht auf, die Kälte ist zermürbend, der Zug kommt nicht, die Russen tragen alles mit stoischem Gleichmut. Die sechs ehemaligen Thomaner unseres Zuges in unserer Nähe versuchen, gegen die Musik anzusingen, singen mit wunderbaren Stimmen und aller Kraft vergeblich „Dona nobis pacem“.

Mitten unter uns steht auf einmal ein Bettler, ein alter Mann, gebückt in einem abgerissenen Mantel klingelt er mit ein paar kleinen Münzen in einer Plastiktüte vor unseren Gesichtern, mit unterwürfigem Blick und zahnlos, Ulrike hat den Mund aufgerissen und starrt ihn an, die Thomaner singen, Ulrike reißt ihr Portemonnaie aus dem Mantel, ich schreie ihr ins Ohr: das hilft doch auch nicht!, sie aber steckt mit zitternden Händen einen Fünf-Rubel-Schein in die kleine Tüte, der Mann dankt mit tiefer Verbeugung und humpelt weiter, die heroische Musik ist abrupt zu Ende, Ulrike weint, die Thomaner füllen mit schönem Gesang den ganzen Saal, dona nobis pacem; und über aller Köpfe hinweg sieht eine weiße, riesige Leninbüste unbeteiligt in Richtung Moskau.

(Dezember 1989)

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