Der Mann hält die Tür fest, damit sie nicht ins Schloß fällt; die Wohnung liegt still. Die Frau hat alle Vorhänge geschlossen, um die Hitze draußen zu halten; sie ermahnt ihn nicht, sie tut es selbst.

Im dämmrigen Flur hängt das Bild, das er von ihr gemalt hat, mehr als dreißig Jahre ist das her, wohl noch länger. Brunhilde, hat er gesagt, und sie hat gelacht: ja, ich, ich weiß. Er geht den Flur entlang in die Küche, die aufgeräumte, dämmrige Küche. Kaffee kochen, so wie immer, das Summen des Wasserkochers, der Füllstand des Kaffees in der Kanne.

Und während das Wasser wärmt, sieht er nach seiner Frau, öffnet ihr Zimmer; es ist leer, niemand ist hier. Er schlägt die Vorhänge zur Seite und, im hereinstürzenden Licht, schnell wieder zu. Im Dämmer nur, er weiß, daß sie recht hat, läßt sich das alles ertragen.

Das Wasser kocht; er gießt es auf das frischgemahlene Kaffeepulver in der Kanne. Vier Minuten, würde sie jetzt sagen, und sie brauchte keinen Kurzzeitwecker dafür. Vier Minuten, woher weißt du, wieviel vier Minuten sind? Weiß nicht, sagt sie. Ich weiß, sagt er, du weißt es nicht, aber du bist sicher. Ja, so ist es. Sie spricht in seinem Kopf, seit sie sich kennen, der Mann ist daran gewöhnt.

Weißt du noch, wie du mir in der S-Bahn diesen Film erzählt hast? Ich konnte all diese Filmbilder sehen, aber ich habe natürlich nichts davon gesehen, nur dich. Und dann in meiner Wohnung in diesem dunklen Zimmer, weißt Du noch? Das Zimmer, das immer dunkel war, im Hinterhof, Parterre, nur ein Fenster in der Ecke des Raumes, immer im Dämmer.

Ich weiß, sagt sie. Ich weiß es noch, natürlich. Das Bett, das nie gemachte Bett, in der dunkelsten Ecke dieses Zimmers. Das immerkalte Bett, das dunkle Bett, war es jemals frisch? Das Bettzeug? Bettzeug, so ein Wort. Nein, sagt der Mann, es war niemals frisch, ich kann mich nicht daran erinnern.

Der Kaffee ist fertig. Der Geruch ist unerträglich, der Mann geht duschen. Das Wasser ist dämmrig, es wird nicht kalt, es läuft durch die Rohre der hellen Stadt und bildet Flocken, dämmrige Flocken, das hat sie gesagt: Als ich damals nach Hause kam, im Fieber seit zwei Tagen, da wachte ich auf, als mir ein Mann eine große Kanüle in die Armbeuge stieß. Die Luft war flüssigwarm und enthielt schwarze Flocken. Wenn Papier verbrennt und ein Windzug ins Feuer greift, dann hältst du den Atem an, wendest dich ab. Und so habe ich schwarze Flocken geatmet, im Fieber, ich wollte mich abwenden, aber es ging nicht, sagt sie.

Der Mann dreht das Gesicht in den Wasserstrahl, das verbrannte Papier abzuwaschen. In dieser dickflüssigen Luft ist das Wasser erfrischend. War das Bett frisch? Nein, niemals, ich ließ es so, bis Du wiederkamst, eine Woche später. Ich schlief in dem Geruch, ich schlief zwischen den Flecken. Flocken, sagt sie, unter der Dusche mit dem Wasser, es waren Flocken, aus unseren Körpern gemacht, die sich lösten, Hautflocken. Ich war das, nur ich, ich habe mich aufgelöst in diesem Brand. Meine Haut hat sich abgelöst von meinem Körper, es ist erstaunlich, daß ich überhaupt noch Wasser darüberlaufen lassen kann. Auch noch nach so vielen Jahren.

Der Mann öffnet das Fenster, tauscht die flüssige Luft gegen die trockene, die vom Hof heraufsteigt. Wie sie immer gefroren hat, wie es immer Winter war, während sie in der S-Bahn von diesem Film spricht, in seine Wohnung kommt, in der es keinen Ofen gibt, nur den Gasherd in der Küche, in sein Bett geht, sich hinlegt, während das brennende Gas den Sauerstoff frißt, die letzte Luft, auch in diesem dämmrigen Winkel des einzigen Zimmers. Legt sie sich hin, zwischen das Bettzeug, das fleckige Bettzeug, in dem er wieder eine Woche geschlafen hat, das gehört ihm.

Und wie kalt sie war, wie sie zitterte vor Kälte, wenn er sich zu ihr legte, sie umfing, mit Armen und Beinen, um sie zu wärmen, wie er dachte, ich erinnere mich, wie du die Kälte fortzwingen wolltest. Wie du das Bettzeug zusammengerafft hast, dich selbst um mich geschlungen, selbst deine Hand auf meiner kalten Stirn spüre ich noch. Wie oft, wieviele eiskalte dämmrige Tage habe ich gebraucht, um zu lernen, wie ich eine Frau wärmen kann, wie lange hast du gefroren, im Fieber, die flockige Luft geatmet, bis ich mich in dich versenkte, und wie konnte ich das, wo du so kalt warst?

Der Mann würde den Schlüssel hören, den sie im Schloß drehte, jetzt, wo er mit dem Handtuch um die Hüfte den Flur entlanggeht, an dem Bild vorbei, Brunhilde, den lauwarmen Kaffee trinkt in der dämmrigen Küche. Und sie hat gelacht: Brunhilde? Auf dem Felsen in den Flammen. Da frierst du nicht, sagt er. Ich bleibe in dir, und du frierst nicht mehr. Sie sagte: du bist nicht im Bild. So ist es. Nach so langer Zeit halte ich die Vorhänge geschlossen, für dich.

(17. Dezember 2014)

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