versuchs

versuchs   geh auf die straße   nachdem du das gesicht
an die wand im treppenflur gelegt hast   um das plötzliche
atmen deiner wände zu vergessen   versuchs ruhig   du kannst
eine zeitung kaufen und äpfel   du kannst über die haut
eines apfels mit der zunge fahren und versuchen   eine
geträumte berührung zu vergessen   versuchs   geh die straße
entlang   du kannst jemanden nach der uhrzeit fragen
er wird dir meinen namen sagen   in allen briefkästen
werden briefe für dich sein   versuchs   geh weiter
alle werden meine augen haben   du kannst nur ein hemd
oder einen mantel tragen   die stadt wird schattenlos sein
und der regen wird durch meine hände bis auf deine
schultern gehen   versuchs   zurück kannst du jetzt nicht
weil dort meine finger immernoch über die haut deiner hüfte
streichen   du wirst ohne laken schlafen müssen   denn du wirst
auf ihm wie auf mir liegen   versuchs   du wirst dich nicht
mehr rasieren können   denn all die kleinen schnitte
werden von mir sein   du wirst meine stimme noch in jedem
angerissenen streichholz hören   aber geh weiter   geh
mit dem wind werde ich dir papierkörbe und bänke vor
die füße werfen   versuchs   ich trete dir immer entgegen
ich bewege mich vorsichtig in deinem schatten   ich sitze
in jeglichem café am nachbartisch   versuchs   du kannst
mich sehen aus den augenwinkeln   doch trifft dein blick
eine andere wenn du den kopf wendest wird der mann an der tür
mit meiner stimme lachen

(1987; u.a. für diesen Text „Förderpreis für Lyrik“ beim Poetenseminar der FDJ 1988; veröffentlicht in: „Junge Welt“ 3./4. September 1988 und in: Poesiealbum. Sonderheft Poetenseminar 1988. Verlag Neues Leben, 1989)

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unfallbericht

ein gleitender moment der stille                  kurz
das klebrige geräusch der reifen auf dem asphalt
fehlt                  und dann fliegt er dreht sich ein
riesen                                              rad  gefühl
damals        in der stadt am see         dreht noch
ungehindert die gurte                         halten die
schultern                          die hüften    und jetzt
erst                              das hochdrehen des leer
laufenden motors geräusch                         ohne
geschwindigkeit im blattgrün           huschend ein
schatten ein ruck  der die flugbahn bricht ein stoß
in die           falscheste richtung ein zischen schon
ächzen die streben des nackten motors           die
haube hängt in den bäumen der       anderen welt
der anderen straße und     wieder das zischen und
jetzt der                 geruch der wolke die mitfliegt
atmen                 noch einmal               einatmen
jetzt offnet der blick                   kehrt zurück aus
dem tunnel ziellos                sieht jeden einzelnen
tropfen                                  der wolke die wiese
hinter dem abhang         und blatt                   für
blatt schleicht die zeit                              bis zum
aufprall                                          die zündkerze
gibt noch einen funken           die sonne wird felge
wird brennender          reifen blendet das grün aus
brennt als      feurige wolke und schon in den käfig
hineingreift den weg sucht bis in die             lunge
die wimpern die schon              geblendeten augen
verbrennt                                 das ende der reise
vorausnimmt                                            aufprall
letztes           geräusch eines sich lösenden wirbels
noch         ein drehen um        die verzogene achse
und immer halten die gurte                             den
ohnmächtigen in seiner schale                 aus feuer
ein gleitender moment                                     der
stille                        kurz                        über dem
knistern                                                 der fahrer
entkommt          dem          brennenden        wrack
und auf der wiese hinter dem abhang                 ist
der tod für den beifahrer                                  kalt

(1997)

ABACAB

sieh dort die wand
dort sieh
hinter der tür hinter
dem lichtschalter
die wand

erkennen am geruch
erkenne ich dich an
dieser bewegung
an der haut deiner
hüfte

dort die wand hinter
dem lichtschalter der
tür sieh die wand
dort sieh

daran dort an die
wand habe ich sieh
meinen kopf wie einen
stein geschlagen daran
wenn du fort bist

hinter der tür hinter
dem lichtschalter sieh
die wand die wand dort

an deiner bewegung
erkenne ich dich an
der haut deiner hüfte
deinen geruch

(wahrscheinlich 1984)

ikarus ’86

während der besungene sich kratzt

daß ihr nicht endlich die schnauze
halten könnt dieser ständige sturz
aus dem glühenden zelt das steht
mir zum hals da bin ich der stuntman
für ideale und allen möglichen scheiß
das volk gafft man singt von moral und
aufsteigenden prinzipien und läßt mich
doch wieder aufklatschen dabei
war bloß der klebstoff mist und
das alles schlampig gemacht und überhaupt
lilienthal sitzt da hinten
und grämt sich am ende
wird er noch neidisch
auf mich dilettanten

(1986; veröffentlicht in: Poesiealbum. Sonderheft Poetenseminar 1987. Verlag Neues Leben, 1988 und in: Die unter 30. Selbstporträt einer Generation. Mitteldeutscher Verlag 1990)

abgebrochene begegnung

die angst der musterung des pflasters
nicht folgen zu können zu diesem endpunkt
auf dem du stehst dich umdrehst jetzt
und ich automatische kamera unentwegt
bilder schieße bilder von dir auf den film

die angst vor den starrenden augen der fotos
in den friseurläden du sprachst einmal davon
die bewegung deiner hände unterbrechend

(veröffentlicht in: TEMPERAMAENTE. Blätter für Junge Literatur 3/1989. Verlag Neues Leben Berlin 1989 und in: Die unter 30. Selbstporträt einer Generation. Mitteldeutscher Verlag 1990)

flugzwang

der vogel
sitzt und schweigt
den nassen himmel
an und steigt
als wüßt er nichts
von kälte
mit wirrem schlag
ein stück ins grau empor
um dann erschreckt
zurückzukehrn
auf seinen ast
wo er schon
vorher fror.

(zuerst veröffentlicht in: TEMPERAMENTE. Blätter für Junge Literatur 3/1989. Verlag Neues Leben Berlin 1989)

muscheln

von einem der nachbartische gibt es immer einen entsetzten blick, wenn die platte mit den miesmuscheln kommt. groß sind sie dieses mal und die wolke, durch die sie hergetragen wurden, riecht nach wein, viel knoblauch, frischer petersilie. etwas scharfes noch, chili bestimmt, und lorbeer. die kellnerin grinst, der koch lächelt aus der offenen küche herüber.

ich erinnere mich an eine szene aus einem ungarischen film: 17. oder 18. jahrhundert. ein mann und eine frau, endlich zusammengekommen in einem gasthof, an einem üppig gedeckten tisch in ihrem zimmer. kerzenlicht, fleisch, gemüse, käse, obst, wein. der mann sitzt zurückgelehnt, er ißt nichts, er sieht nur der frau zu. mitunter sagt er einen leisen satz. psyche – das ist ihr name – ißt mit den fingern. sie schlingt. sie reißt den wachteln die keulen aus, streicht sich die haare nach hinten, ihr gesicht wird fettig, fett tropft ihr vom kinn. plötzlich legt sie alles aus der hand, schiebt mit beiden armen geschirr, essen, besteck zur seite, kriecht auf dem tisch auf ihn zu. alles fällt zu boden, obst kugelt durch den raum, gläser und porzellan gehen zu bruch, und sie schiebt sich immer weiter auf ihn zu. es dauert lange, es ist ein weiter weg, es ist sehr laut. er sitzt unverändert, zurückgelehnt. sie kriecht über diesen ganzen tisch, der immer größer zu werden scheint, der kein ende nimmt. und dann steht er auf, rasch, legt ihr die arme um den körper, zieht sie vom tisch, hebt sie hoch und trägt sie ins bett.

er wäre gern dieser mann, sagt der mann. und die frau, die die muscheln ißt, sagt: ich auch.

(4. März 2001, zuerst erschienen im Weblog “freitagsfish”)

kohorte

wir glaubten ja, einzigartig zu sein. natürlich nicht. wir glaubten, einen eigenen blick zu haben, und so war es auch. unter den blicken der anderen, umzingelt, überwacht, beschränkt in allem, glaubten wir, einzigartig zu sein.

und so war es dann auch. mit der großen zeitenwende waren wir einzigartig geworden, und sind es noch. was wir taten, wie wir glauben, uns zu erinnern, war anders. wir sahen, gingen, schrieben, tanzten, küßten einzigartig. nichts und niemand bringt uns davon ab, nachdem die große zeitenwende die große bestätigung brachte. alles, war wir waren, ist wie in bernstein gegossen. uralte insekten, für deren genetischen code sich niemand interessiert außer uns.

woraus wir schöpfen wurde groß durch die große zeit und wende. wer wären wir mit diesem blick, mit diesen erinnerungen, ohne den untergang des u-bootes, das unser beschränktes leben war. durch zufall und mit großer anstrengung fanden wir den ausgang und trieben oder schwammen auf die haut der zeit. und natürlich fiel es nicht schwer, die luft anzuhalten, für uns, die wir immer die luft als rationiert zu empfinden gelehrt waren.

das u-boot liegt da unten, in der zeit, der tiefe, wo die kraken sind. die luft, die es noch birgt, wird wohl muffig sein, durch die geschlossenen schotts dringt das wasser, langsam und unaufhörlich in dünnem rinnsal, einer versiegenden quelle gleich, die an kraft gewinnt, je stärker die korrosion um sich greift. das material ermüdet.

wären wir, was wir sind, ohne das große wenden der zeit. wieviel unserer erinnerung gehört uns, wieviel gehört denen, die uns beschränkten, was davon liegt noch im u-boot und liegt dort gut. getrieben an der oberfläche sehen wir hinab auf den friedhof der schiffe, die, untergegangen, unsere einzigartigkeit widerlegen. all diese schiffe auf dem grund, die garanten, die wächter über uns besondere, von denen es so viele gibt.

wir sollen und immer anders sein: unser schiff war einzigartig. oder war es seine besatzung.

am grund laufen die räume voll wasser, langsam und unabänderlich. in unseren ohren lagert das salz der erinnerung, während wir schwimmen und treiben und tanzen, schreiben und küssen. wir wählen, wer wir sein wollen, kapitän oder ratte. niemand verläßt das gesunkene schiff und es wurde kein notruf abgesetzt.

(26. November 2010)