o.T.

nachts
kehre ich zurück zu mir
als drache

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ikarus ’86

während der besungene sich kratzt

daß ihr nicht endlich die schnauze
halten könnt dieser ständige sturz
aus dem glühenden zelt das steht
mir zum hals da bin ich der stuntman
für ideale und allen möglichen scheiß
das volk gafft man singt von moral und
aufsteigenden prinzipien und läßt mich
doch wieder aufklatschen dabei
war bloß der klebstoff mist und
das alles schlampig gemacht und überhaupt
lilienthal sitzt da hinten
und grämt sich am ende
wird er noch neidisch
auf mich dilettanten

(1986, zuerst veröffentlicht in: Poesiealbum. Sonderheft Poetenseminar 1987. Verlag Neues Leben, 1988)

abgebrochene begegnung

die angst der musterung des pflasters
nicht folgen zu können zu diesem endpunkt
auf dem du stehst dich umdrehst jetzt
und ich automatische kamera unentwegt
bilder schieße bilder von dir auf den film

die angst vor den starrenden augen der fotos
in den friseurläden du sprachst einmal davon
die bewegung deiner hände unterbrechend

(zuerst veröffentlicht in: TEMPERAMAENTE. Blätter für Junge Literatur 3/1989. Verlag Neues Leben Berlin)

flugzwang

der vogel
sitzt und schweigt
den nassen himmel
an und steigt
als wüßt er nichts
von kälte
mit wirrem schlag
ein stück ins grau empor
um dann erschreckt
zurückzukehrn
auf seinen ast
wo er schon
vorher fror.

(zuerst veröffentlicht in: TEMPERAMENTE. Blätter für Junge Literatur 3/1989. Verlag Neues Leben Berlin)

muscheln

von einem der nachbartische gibt es immer einen entsetzten blick, wenn die platte mit den miesmuscheln kommt. groß sind sie dieses mal und die wolke, durch die sie hergetragen wurden, riecht nach wein, viel knoblauch, frischer petersilie. etwas scharfes noch, chili bestimmt, und lorbeer. die kellnerin grinst, der koch lächelt aus der offenen küche herüber.

ich erinnere mich an eine szene aus einem ungarischen film: 17. oder 18. jahrhundert. ein mann und eine frau, endlich zusammengekommen in einem gasthof, an einem üppig gedeckten tisch in ihrem zimmer. kerzenlicht, fleisch, gemüse, käse, obst, wein. der mann sitzt zurückgelehnt, er ißt nichts, er sieht nur der frau zu. mitunter sagt er einen leisen satz. psyche – das ist ihr name – ißt mit den fingern. sie schlingt. sie reißt den wachteln die keulen aus, streicht sich die haare nach hinten, ihr gesicht wird fettig, fett tropft ihr vom kinn. plötzlich legt sie alles aus der hand, schiebt mit beiden armen geschirr, essen, besteck zur seite, kriecht auf dem tisch auf ihn zu. alles fällt zu boden, obst kugelt durch den raum, gläser und porzellan gehen zu bruch, und sie schiebt sich immer weiter auf ihn zu. es dauert lange, es ist ein weiter weg, es ist sehr laut. er sitzt unverändert, zurückgelehnt. sie kriecht über diesen ganzen tisch, der immer größer zu werden scheint, der kein ende nimmt. und dann steht er auf, rasch, legt ihr die arme um den körper, zieht sie vom tisch, hebt sie hoch und trägt sie ins bett.

er wäre gern dieser mann, sagt der mann. und die frau, die die muscheln ißt, sagt: ich auch.

(4. März 2001, zuerst erschienen im Weblog “freitagsfish”)

kohorte

wir glaubten ja, einzigartig zu sein. natürlich nicht. wir glaubten, einen eigenen blick zu haben, und so war es auch. unter den blicken der anderen, umzingelt, überwacht, beschränkt in allem, glaubten wir, einzigartig zu sein.

und so war es dann auch. mit der großen zeitenwende waren wir einzigartig geworden, und sind es noch. was wir taten, wie wir glauben, uns zu erinnern, war anders. wir sahen, gingen, schrieben, tanzten, küßten einzigartig. nichts und niemand bringt uns davon ab, nachdem die große zeitenwende die große bestätigung brachte. alles, war wir waren, ist wie in bernstein gegossen. uralte insekten, für deren genetischen code sich niemand interessiert außer uns.

woraus wir schöpfen wurde groß durch die große zeit und wende. wer wären wir mit diesem blick, mit diesen erinnerungen, ohne den untergang des u-bootes, das unser beschränktes leben war. durch zufall und mit großer anstrengung fanden wir den ausgang und trieben oder schwammen auf die haut der zeit. und natürlich fiel es nicht schwer, die luft anzuhalten, für uns, die wir immer die luft als rationiert zu empfinden gelehrt waren.

das u-boot liegt da unten, in der zeit, der tiefe, wo die kraken sind. die luft, die es noch birgt, wird wohl muffig sein, durch die geschlossenen schotts dringt das wasser, langsam und unaufhörlich in dünnem rinnsal, einer versiegenden quelle gleich, die an kraft gewinnt, je stärker die korrosion um sich greift. das material ermüdet.

wären wir, was wir sind, ohne das große wenden der zeit. wieviel unserer erinnerung gehört uns, wieviel gehört denen, die uns beschränkten, was davon liegt noch im u-boot und liegt dort gut. getrieben an der oberfläche sehen wir hinab auf den friedhof der schiffe, die, untergegangen, unsere einzigartigkeit widerlegen. all diese schiffe auf dem grund, die garanten, die wächter über uns besondere, von denen es so viele gibt.

wir sollen und immer anders sein: unser schiff war einzigartig. oder war es seine besatzung.

am grund laufen die räume voll wasser, langsam und unabänderlich. in unseren ohren lagert das salz der erinnerung, während wir schwimmen und treiben und tanzen, schreiben und küssen. wir wählen, wer wir sein wollen, kapitän oder ratte. niemand verläßt das gesunkene schiff und es wurde kein notruf abgesetzt.

(26. November 2010)

In Ordnung (Arbeitstitel) – Teil I

„Sie ist schon gegangen. Sie wollte ins Dorf laufen, durch die Felder, den alten Weg entlang, und den Mittagsbus nehmen.“
„Wie lange braucht man dafür?“
„Halbe Stunde vielleicht, das sind gut zwei Kilometer.“
„Danke.“

Der Mann verläßt das kleine Seminarhotel, er fährt mit dem Auto die Straße entlang um den See ins Dorf und parkt neben der Bushaltestelle. Die Frau ist nicht da; niemand ist da, am späten Vormittag liegt das Dorf ganz still in der Hitze.
Er geht ihr entgegen, er nimmt den alten Weg zwischen zwei Häusern in die Felder hinein. Wellige Felder mit Winterweizen, Strauchreihen, in den Senken ausgetrocknete Tümpel, und nur hier ist alles sattgrün. Er sieht den großen Baum schon von weitem, den einzigen Baum zwischen dem Dorf und dem Hotel, auf einem Hügel und, als er näher kommt, die Frau unter dem Baum liegen. Sie schläft, benutzt ihre Tasche als Kissen; sie liegt auf dem Rücken, einen Arm neben dem Kopf, die andere Hand auf ihrer Hüfte.

Sie hört ihn nicht kommen: Feldlerchengesang, Winterweizenwind; er setzt sich leise neben sie. Der von der Hitze gebleichte Himmel ist der größte, den er kennt; der Schatten der alten Eiche der einzige Schatten auf dem Weg zum Dorf. Dann spürt er ihre Hand auf seinem Rücken.
Die Frau erwacht aus ihrem Traum, in dem ein Mann neben ihr sitzt, der zu ihr spricht, den sie nicht verstehen kann, weil der Wind –

der Wind ist zu laut, ich verstehe Dich nicht –

und aufwacht. Ein Mann sitzt neben ihr, sie legt ihm die Hand auf den Rücken.
„Sie waren fort, bevor ich Ihnen anbieten konnte, Sie mitzunehmen.“
„Ich wollte den Weg laufen, endlich allein sein. Als ich den Baum sah, war ich zu müde weiterzugehen.“
„Der Mittagsbus ist weg.“

Der Mann hatte sich nicht zu ihr umgedreht, und sie hatte ihre Hand nicht von seinem Rücken genommen. Er war wie sie Dozent in dem Seminar gewesen; drei Tage, dreißig Leute, viel zu viel Gerede.
„Mein Auto steht im Dorf, ich kann Sie dann mitnehmen. Aber jetzt möchte ich auch schlafen.“
Er dreht sich zu ihr, er legt sich halb auf sie: seinen Kopf auf ihren Bauch, einen Arm über ihre Hüfte, den anderen schiebt er flach unter ihre Schulter, ein Bein auf ihre Schenkel.
Er fragt leise: „Ist das in Ordnung?“
Die Frau sagt ja, und der Mann schläft augenblicklich ein.
Sie zögert den Moment hinaus, sie wartet, bis sein Gewicht auf ihrem Körper sich auflöst, das Geräusch des Windes zunimmt, das Feldlerchengestammel, die Hitze wieder zurücktritt aus dem Schatten des Baumes; und dann schläft auch sie wieder ein.

Im milderen Licht des frühen Abends gehen sie beide den Weg ins Dorf: Der Mann war still und plötzlich erwacht, aufgestanden und hatte ihr die Hand geboten; mühelos zog er sie hoch und bückte sich schon nach ihrer Tasche, als ihr schwindlig wurde, sie noch einmal nach ihm griff und er mit seinem Arm sofort ihre Taille umfing:
„Das war zu schnell, ja?“
„Einen Moment – jetzt geht es, danke.“

Er trägt ihre Tasche auf dem Weg, unter dem größtmöglichen Himmel; die Frau geht schweigend mit ihm, wenn der Weg zu schmal ist, auch vor ihm, er hört dann ihren Atem kaum, Weizenwind.
„Mein Auto steht an der Haltestelle.“
„Es gibt einen Abendbus später.“
Ein Hund bellt, es gibt jetzt einen Hund im Dorf.
„Mit dem Abendbus schaffen sie es bis zum Bahnhof, von dort aber nicht mehr in die Stadt heute.“

Der Mann öffnet die Beifahrertür für sie, er stellt ihre Tasche auf den Rücksitz, und dann steht er vor ihr und sieht sie an:
„Kommen Sie mit auf meinen Hof und übernachten Sie dort, es ist nicht weit.“
Die Frau sagt ja, der Mann steht ganz still neben ihr und der Hund bellt.
„Dann steigen Sie ein.“
Der Mann fährt das Auto aus dem Dorf, durch die Hügel; sie sieht ihn an, seinen Kopf im Profil, den Hals und die Schultern, auf die sie ihre Hände gelegt hatte, bevor sie einschlief heute, oder vor so vielen Jahren, unter dem Baum, seinen Unterarm mit den winterblonden Haaren.

Und der Mann sieht nach vorn auf die Straße und sagt:
„Wir essen etwas; wir essen und trinken, und dann lieben wir uns.“
Es dunkelt schon, er schaltet die Scheinwerfer ein.
Der Mann schluckt.
In ihrem Kopf steht sie zu schnell auf aus diesem Bett, ihr wird schwindlig; ein gedeckter Tisch, dem ein Bein bricht, die Tischplatte eine schiefe Ebene, die Teller und Gläser und Messer rutschen aus ihrem Bewußtsein, sie zögert den Moment hinaus, in dem alles auf den Boden fallen wird.
Er sagt: „Wir lieben uns, wir heiraten. Wir haben Kinder.“
Es ist immer noch so hell, die Dunkelheit findet keinen Platz über den Feldern, auch dort vorn nicht, wo sich die Straßen kreuzen werden; der Mann hält nicht an, er dreht sein Gesicht zu ihr und sagt: „In Ordnung?“

Die Frau sieht in seine Augen, alles ist so hell, und sie zögert, nur einen Moment noch –
und sagt ja –
und hinter dem Kopf ihres Mannes sieht sie den Abendbus kommen; der Mann lächelt, sie sieht sein Lächeln, und es wird zu hell. Die Airbags explodieren.

Die Frau erwacht still und plötzlich, und da ist ein anderer Mann, sein Gesicht über ihr und sie sagt: „Wo ist er?“
„Sie müssen schlafen“, sagt der Arzt und zögert nicht, das Medikament ist schneller als der Schmerz, feldlerchenschnell.

(12.12.2015/19.1.2016)

der wächter

zahle den preis und kaufe
den wächter mit mitleid
entrichte den zoll in das offene
land schmal wie ein lidstrich
und stelle dich ein auf tastendes
licht und verbirg nichts seinem
pathetischem zugriff vermeide
jede geübte bewegung zeig her
die nutzlos zerbissenen lippen
die sonnen haut deiner gelenke
vergessene adern blickloser
körper der die fläche verschmäht
füße die niemals gelaufen hände
die sie niemals umfingen
schultern die nicht das wasser
zerteilten und eine wendung
des halses des kopfes
die niemandem galt
und flehe zum wächter
und sinke
zum ersten mal auf deine knie
und dann scher dich zurück
in dein bißchen welt
und versuch es bei nächster
umdrehung noch einmal

ruderer

unter keinen umständen
verlasse das boot
ziehe die füße zurück auf
das trockene holz der bohlen
tauche nicht die hand noch
das gesicht trockne jeden
kleinen spritzer halte
den lappen bereit und rudere
setze alle segel ziehe
den letzten knoten fest
und sieh immer nach norden
unterdrücke den durst bezwinge
die sehnsucht wende den blick
ab und friß deine gefährten
trinke ihr trockenes blut
und hüte dich vor den gezeiten
die auf offener see um sich selbst
tanzen und tückische strudel öffnen
und wirf kein geldstück hinein
noch deinen gürtel opfere nichts
nicht ein haar keine hautschuppe
wirf dem wasser nichts zum fraß
ruf deinen gott auf die zerberstenden
lippen und augen und ziehe die füße
zurück tauche nicht hand noch gesicht
und hüte dich vor dem wasser